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33. Sonntag im Jahreskreis
16. November 2025
Manchmal höre ich Leute sagen: Hör mir doch auf mit der Bibel! Das sind nur alte Geschichten, die uns heute nichts mehr zu sagen haben. Wir leben in einer ganz anderen Zeit. Das, was da drinnen steht, mag ja ganz nett sein, aber mit meinem Leben und mit unserer Zeit hat das nichts zu tun.
Natürlich ist es so, dass sich die Zeit in tausenden von Jahren sehr verändert hat. Allein schon in meiner Lebenszeit ist Gewaltiges geschehen. Als Kind habe ich noch schwarz-weiß ferngesehen, mit zwei Programmen. Und von einem Handy und den digitalen Möglichkeiten unserer Zeit hat damals noch niemand eine Vorstellung gehabt. Aber: Die Grundfragen des Lebens, die existentiellen Fragen, die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Glück, Gelingen, Schmerz und Leid, die Frage nach dem, was das Leben trägt, war damals nicht anders als heute. Und die Erfahrungen im Leben auch nicht: Unbeschreibliches Glück und erschütterndes Leid. Oft ganz nahe beieinander.
Von daher, glaube ich, dass die Bibel nicht aus der Zeit gefallen ist, nicht weltfremd ist. Und zwar deshalb nicht, weil sie Erfahrungen schildert, die zeitlos sind. Wer möchte bestreiten, dass das, was uns der Evangelist Lukas heute vor Augen stellt, top aktuell ist? Kriege, Unruhen, Streitereien, Erdbeben, Naturkatastrophen, am Himmel Zeichen, und so vieles wird niedergebombt und dem Erdboden gleichgemacht. Die Beschreibung vom Ende, wie sie Lukas überliefert, ist erschreckend aktuell.
Dazu die große Zahl an verfolgten Christinnen und Christen. Das Christentum ist die am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft weltweit. Einmal im Jahr gibt es den sogenannten „Red Wednesday“. Da werden Kirchen rot beleuchtet, um auf die große Zahl an Glaubenszeugen hinzuweisen, die jedes Jahr ermordet werden. Unter anderem auch der Dom in Innsbruck. Dieser „Red Wednesday“ ist am kommenden Mittwoch.
Lukas hat sein Evangelium in einer Zeit geschrieben, in der der Tempel in Jerusalem schon zerstört war. Das war damals eine unbeschreibliche, unvorstellbare, unfassbare Katastrophe. Für viele Juden das Ende. Der ganze Stolz des Volkes kaputt, dem Erdboden gleichgemacht. Die ganze Freude des Glaubens dahin. So stellte man sich den Weltuntergang vor. Kein Stein bleibt auf dem anderen.
Und natürlich stellten die Menschen damals die Frage: Ist der Weltuntergang schon nahe? Ist das, was Jesus vorausgesagt hat, eingetroffen? Muss man sich auf noch schlimmere Katastrophen gefasst machen? Was tun in einer solchen Zeit? Und dazu noch die Worte aus dem Buch Maleachi: „Seht, der Tag kommt; er brennt wie ein Ofen: Da werden alle Überheblichen und Frevler zu Spreu, und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen … Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen dann bleiben.“ (Mal 3,19)
Mehr braucht man nicht mehr. Die Angst, die sowieso schon in den geheimen Winkeln unseres Herzens lagert, die wird da kräftig angeheizt. Und damit sind wir wieder bei unserer Zeit. Statistiken sagen, dass trotz aller Absicherungen und Sicherheiten, die uns das Leben heute bietet, zumindest in unseren Breitengraden, eines unglaublich wächst und massiv wird: Die Angst. Die Angst, die Lebensangst, die vielen kleinen und großen Ängste, sie nehmen rasant zu. Besonders auch in der jungen Generation.
Ist ja auch kein Wunder! Die Wirtschaft kriselt, die Lebenskosten werden immer höher, die Natur scheint unumkehrbar zerstört, die aggressiven und niederträchtigen Aussagen werden immer häufiger, die Drohung mit Krieg und Atomwaffen ist wieder an der Tagesordnung, die Gewaltbereitschaft nimmt zu, die Sehnsucht nach einem starken Mann, der einmal so richtig Ordnung macht, ist wieder da. Ich habe tatsächlich auch den Eindruck, dass etwas in der Luft liegt, das bedrohlich ist, das beklemmt, das für die Zukunft eine düstere Aussicht nahelegt. Und wenn ich so in die unterschiedlichen Regionen der Welt schaue, oder auch nach Innsbruck, da denke ich mir manchmal: Es wird immer noch verrückter.
Jetzt könnte jemand zu mir sagen: Herzlichen Dank für diese Ermutigung! Muss das sein, dass solche Texte aus der Bibel vorgelesen werden? In diesem Fall ist die Bibel wohl zu zeitgemäß und zu aktuell. Aber: Weil die Bilder der Bibel so bedrängend sind, so auf die Seele drücken, passiert es, dass wir die anderen Bilder, die im Text auch vorkommen, nicht mehr sehen oder hören. Denn mit dem Bild des brennenden Ofens verbindet der Prophet Maleachi eine Aussage, die zutiefst tröstlich ist: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wir die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung.“ (Mal 3,20). Die Sonne wärmt und belebt, sie lässt die Gesichtszüge strahlen, sie beflügelt das Leben.
Und auch im Evangelium ist es nicht anders: Neben der Zerstörung des Tempels und der Erschütterung des Lebens durch Krieg, Unheil und Not klingt auch hier die andere Seite auf, vielleicht leiser und unscheinbarer als die Bedrohung, aber nicht weniger zentral: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.“ (Lk 21,18) Eine geradezu unglaubliche Aussage! Die Ereignisse können uns bedrohen und Angst auslösen – aber ob dabei etwas so Feines und Sensibles wie die Haare gekrümmt wird, das liegt nicht in der Macht der Ereignisse, sondern allein in der Hand Gottes.
Nehmen wir diese Ermutigung, diesen Trost mit: Über dir wird die Sonne aufgehen und ihre Flügel werden dich in der Seele heilen. Und: Dir wird kein Haar gekrümmt werden.
Jakob Bürgler
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Datum: 16.11.2025
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