Der zweifelnde Johannes

Johannes der Täufer ist eine urige Gestalt, ein starker Typ. Aber er kennt auch Zweifel und Unsicherheit. In seinen Fußspuren vertrauen lernen - Gedanken dazu von Unipfarrer Jakob Bürgler findest du hier.

3. Adventsonntag

14. Dezember 2025

Schon wieder geht es heute um Johannes den Täufer. Wie schon am vergangenen Sonntag. Johannes ist die zentrale Gestalt im Advent. Er ist es, der auf den kommenden Retter hinweist, der ihn ankündigt, ihn voraussagt, ihm den Weg bereitet. Mit seiner ganzen Existenz weist er hin auf den, der nach ihm kommen wird, auf den erwarteten Messias. Er ist wie ein lebendiger Zeigefinger. Johannes zeigt nicht auf sich, sondern auf den kommenden Retter.  

Im Evangelium des letzten Sonntags wurde Johannes der Täufer mit starken Worten beschrieben: Als Mann, der in der furchterregenden Wüste lebt, mit einem Kleid aus Kamelhaaren, als einer, der sich von Heuschrecken und Honig ernährt. Eine urige, geradezu archaische Gestalt – mit einer lauten Stimme.

Er ruft in der Wüste: „Kehrt um! Ändert euch! Hört auf mit dem Treiben, das immer mehr Böses in die Welt bringt und die Welt kaputt macht.“ Er nennt die religiösen Führer „Schlangenbrut“. Er kündigt ein großes Zorngericht Gottes an. Gott habe die Axt schon an die Wurzel der Bäume angelegt. Er müsse nur noch zuschlagen. Die Schaufel halte er in der Hand, um den Abfall und den Unrat aus dem Haus zu schaffen. Johannes, der Täufer, eine starke Figur.

Und diese Stärke wird im heutigen Evangelium noch betont. Jesus sagt über Johannes: „Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?“ (Mt 11,7) An sich ist wankendes Schilfrohr ja ein schönes Bild, ein Urlaubsbild, ein Bild der Ruhe und Entspannung. Aber die andere Seite: Es gibt keinen Halt, keine Stabilität. Wir kennen alle das Wort: „sich nach dem Wind drehen“. Das Schilfrohr dreht sich nach dem Wind. Ein spanisches Sprichwort lautet: „Der Wind dreht die Wetterfahne, aber nicht den Turm.“ Johannes ist wie ein fester Turm, mit starkem Fundament, ein Mann der klaren Überzeugung, ein Mann mit Mut. Und es geht noch weiter: „Oder was habt ihr sehen wollen… Einen Mann in feiner Kleidung? (Mt 11,8) Die noble und schöne Welt, die Welt der Schönen und Reichen, ist nicht die Welt des Johannes. Johannes ist kein Schön-Redner. Er ist einer, der die Dinge beim Namen nennt. Sein Wesen ist ehrlich, wahrhaftig. Ein starker Typ.

Aber jetzt kommt es. Dieser starke Typ, dieser Johannes wird unsicher. Er beginnt zu zweifeln. Er schickt seine Jünger zu Jesus und lässt fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3) Johannes den Täufer als einen zu sehen, der zu zweifeln beginnt, der nicht mehr recht weiß, ob alles stimmt, wovon er gänzlich überzeugt war, das ist unvertraut und neu.

„Warum, Jesus, hast du Johannes nicht aus dem Gefängnis befreit? Du hast ihn nicht einmal besucht. Warum hast du nicht auch an ihm, gerade an ihm, wahr gemacht, was du an so vielen anderen wahr gemacht hast? An ihm hat sich nicht das Schriftwort erfüllt, das du im Lukasevangelium verkündest: ‚den Gefangenen die Entlassung‘ (Lk 4,18). Johannes hat an dir zweifeln müssen, du bist ihm fragwürdig geworden. Deshalb lässt er dich ja fragen: ‚Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?‘ (Mt 11,3) Ja, er hat Anstoß genommen an dir. Aber hättest du ihm nicht entgegenkommen können? … Einer, der auf Jesus hinweist, stellt sein Leben ganz hinter den, der kommen soll. Nur – zu ihm kommt er nicht. Er beginnt, an seinem eigenen Auftrag zu zweifeln: Ist er es, wirklich? Oder habe ich mich getäuscht? Bin ich einem Phantom hinterhergelaufen?“ (Andrea Pichlmeier)

Und auf einmal wird dieser Johannes der Täufer top aktuell. Ganz einer von unserer Zeit. Das, was früher felsenfest als Überzeugung gegolten hat, bröckelt, wird fragwürdig, lässt zweifeln. Die Kirche ist „befleckt“, manchmal auch armselig. Und ihr Zeugnis brüchig. Und ob dieser Christus wirklich genau so ist, wie es die Kirche behauptet, wer sagt das? Wer hat die Autorität? Immer wieder höre ich die Aussage: Wie kann es denn sein, dass ihr recht habt, wenn die Welt so voller Bosheit und Unheil ist? Wie kann Gott all das Schreckliche zulassen, wenn er doch in euren Augen so gut ist? Das passt nicht zusammen. Diesen Gott, den ihr verkündet, den gibt es nicht. Schlussendlich bleibt dann ein kleiner Rest: Irgendetwas wird es schon geben, aber Genaues weiß man nicht.

Ich verstehe den Täufer Johannes. Er hat einen Nachfolger angekündigt, der ganz anders war als der, der dann gekommen ist. Und ich verstehe auch die Menschen unserer Zeit. Wie geht die Erlösung des Menschen und der Welt zusammen mit all dem Schrecklichen, das uns nach wie vor im Griff hat?

Vielleicht liegt die Antwort in den Hinweisen Jesu. „Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht.“ (Mt 11,4) Wer genau hinschaut, der sieht, dass sich immer wieder etwas verändert, entlastet, freier wird, heilen kann, sich positiv wendet. Mitten in all dem, was schwer auf den Menschen lastet. Und vieles von dem haben wir nicht in der Hand, ist uns geschenkt, fällt uns zu. Wer genau hinschaut, der sieht mehr. Es gibt die Dynamik, die von einer anderen Welt her das Leben wendet und vollendet. Ich brauche nur Augen dafür, und Vertrauen, und Geduld. Es ist die Trotzdem-Kraft der Hoffnung, die uns antreibt. Und diese Hoffnungskraft kommt von Gott.

Bitten wir um ein neues Vertrauen in Gott. Ein Vertrauen, das letztlich auch Johannes den Täufer durch alles getragen hat. Bitten wir um genug Geduld. Und bitten wir um die Trotzdem-Kraft der Hoffnung.

Jakob Bürgler

 

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Datum: 14.12.2025

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