Herodes und die Weisen aus dem Morgenland

Über Herodes und seinen Machtanspruch, seine Angst und die Botschaft, die vom wehrlosen Kind ausgeht, denkt Propst Jakob Bürgler in seiner Predigt zu Epiphanie 2026 nach. Du findest den Text hier.

Erscheinung des Herrn

6. Jänner 2026

Normalerweise wird heute am Dreikönigstag in den Predigten über den aufgehenden Stern nachgedacht, oder über die drei Weisen aus dem Morgenland, oder über die drei Gaben, die dem neugeborenen Christuskind gebracht werden. Die Erzählung von den Sterndeutern aus dem Osten und vom Königsstern ist reich an Bedeutungen, voll von wunderbaren Botschaften, berührend in allen Schritten, die erzählt werden. Und all das ist heute nicht weniger gültig und wichtig als damals. Ich möchte heute etwas anders ansetzen und bei jener Gestalt bleiben, die schon ganz am Beginn der Erzählung erwähnt wird: Herodes. Wer ist dieser Herodes? Was hat sein Leben ausgemacht? Und warum kann es wichtig sein, auch über ihn nachzudenken?

„Der Name Herodes bedeutet ‚Held‘ oder ‚starke Führungspersönlichkeit‘. Dieser Name ist Programm, seine Herkunft auch. … Innerjüdische Machtkämpfe einerseits und andererseits die Abhängigkeit und Tributpflicht gegenüber Rom erforderten klare Strategien, Radikalität und Gewaltbereitschaft. All das erlernte Herodes schon in frühester Jugend. Ein unerschrockener, gut ausgebildeter Zögling der machtpolitischen Eliten.“[1] So könnte man Herodes beschreiben.

Und von diesem unerschrockenen, führungsstarken Herodes berichtet Matthäus nun: „Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.“ (Mt 2,3) Das ist eigenartig, unerklärlich, schräg. Warum sollte denn der große und starke Herodes vor einem Baby Angst haben?

Biblische Experten unterscheiden hier zwischen dem historischen Herodes und dem literarischen Herodes. Aber das wird etwas zu kompliziert. Wichtig ist: Der unangefochtene Herodes, der Inbegriff von Macht und Herrschaft, von Gewalt und Hochmut, er kriegt die Panik. Er fürchtet sich. „Er ist außer sich. Seine Ordnung ist gestört und er ist zutiefst bestürzt und irritiert.“[2]

In gewisser Weise ist das nachvollziehbar und logisch. Denn die Pilger, die da in Jerusalem und an seinem Hof auftauchen, folgen einem Stern. Und in der damaligen Zeit war der Stern ein Königssymbol. Auch Herodes ließ Münzen prägen mit einem Stern als Bildnis. Also da kommt etwas daher, was den König konkurrenziert, bedroht in seiner Macht, vielleicht in Frage stellt, an den Beinen seines Throns rüttelt. Da ist die Panik schon nachvollziehbar. Herodes kann sich denken: Wenn es neben mir als Stern noch einen anderen Stern gibt, dann Gnade mir Gott. Und deshalb packt ihn die Angst und die Panik. Herodes wird wahnsinnig, in seiner Machtbesessenheit und in seiner Angst.

Es gibt eine schöne Aussage von Dietrich Bonhoeffer: „Es gibt für einen Starken, für einen Großen dieser Welt nur zwei Orte, an denen ihn sein Mut verlässt, vor denen er sich aus tiefster Seele fürchtet, denen er scheu ausweicht. Das ist die Krippe und das Kreuz Jesu Christi.“

Wenn wir Weihnachten feiern, die Menschwerdung des Wortes Gottes in einem wehrlosen Kind, dann hat das auch mit der Frage der Macht zu tun. Wer ist wirklich mächtig? Wer lebt die Macht so, dass sie für die Menschen heilsam ist? Und von daher ist das Wort unseres Papstes, das er am Sonntag nach Weihnachten beim Mittagsgebet am Petersplatz gesagt hat, so zentral: „Leider gibt es in der Welt immer wieder ‚Herodes‘-Figuren, mit ihrem Erfolgsmythos um jeden Preis, mit skrupelloser Macht, leerem und oberflächlichem Wohlstand.“ Und von der Freude der Geburt des Erlösers dringe nichts in den abgeschotteten Palast des Herodes, ‚außer als verzerrtes Echo einer Bedrohung, die mit blinder Gewalt erstickt werden muss“.[3]

Die Erzählung von den Sterndeutern hat damit eine Botschaft für unsere Zeit, für eine Zeit, in der so viele machtbesessene und autoritäre Führungspersönlichkeiten aus dem Boden schießen und mit bedrohlichen Worten und Taten die Welt in Bangen halten. Die Botschaft: Letztlich siegen diese Typen nicht. Letztlich setzt sich die Macht der Menschlichkeit durch. Letztlich erblüht aus dem kleinen, unscheinbaren Kind in Betlehem jene Macht, die tatsächlich befreit und heilt. Und das haben die Weisen aus dem Morgenland erkannt. Anbetung und Ehre gebührt nicht irgendeiner irdischen Macht, auch dann nicht, wenn sie das einfordert oder provozieren will. Anbetung und Ehre gebührt allein dem, der keine Angst hatte vor der Krippe und dem Kreuz.

Bitten wir für uns selber und für alle Mächtigen der Erde um eine innere Umkehr, um eine Wandlung des Herzens. Wagen wir uns in die Spur Jesu, der klein und demütig sein konnte, ohne seine Macht zu verlieren – oder noch besser: der in seiner Einfachheit die wahre Macht und Größe verkörpert hat.

Zu Weihnachten hat mir meine 18-jährige Nichte einen starken Spruch zugeschickt. Nicht im Blick auf Herodes, sondern im Blick auf den Stern geschrieben. Er soll meine Gedanken abschließen: „Den Stern lob ich der einem Kind zulieb‘ die alte Ordnung sprengt.“

Jakob Bürgler

 

[1] Katrin Brockmöller, Als der König Angst bekam. Christ in der Gegenwart 49/2025, 6.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Kathpress vom 29. Dezember 2025.

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Datum: 06.01.2026

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