Zu-Mutung

"Fürchtet euch nicht!" Immer wieder richtet Jesus diese Aufforderung an jene, die ihm folgen. Seine Botschaft ist eine Botschaft der Zu-Mut-ung. Mut zu Öffentlichkeit und Mut zu Profil. Die heutige Predigt von Propst Jakob Bürgler im Dom zu St. Jakob findest du hier.

12. Sonntag im Jahreskreis | 21. Juni 2026 | Dom zu St. Jakob

 

Schwestern und Brüder im Glauben, hier im Dom zu St. Jakob und alle, die ihr über Radio oder Fernsehen mit uns verbunden seid!

Manchmal ist das Evangelium echt eine Zumutung. Wer mag schon Sätze hören wie: „…fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!“ (Mt 10,28) Wo bleibt da die frohe Botschaft? Oder: „Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ (Mt 10,33) Entlastung ist das keine. Barmherzigkeit klingt anders. Ja, manchmal ist das Evangelium echt eine Zumutung.

Man könnte das Wort „Zumutung“ aber auch anders verstehen! Nämlich als „Zu-Mutung“, als Zuspruch von Mut, im Sinne von Ermutigung. Und davon steckt wahrlich viel in dem, was wir eben gehört haben. Drei Mal wird wörtlich gesagt: „Fürchtet euch nicht!“ „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ (Mt 10,26) „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können.“ (Mt 10,28) „Fürchtet euch also nicht!“ (Mt 10,31) Drei Mal die Aufforderung: Fürchtet euch nicht! Ein starkes Plädoyer! Eine starke Zu-Mutung!

Aber: Wozu will uns das heutige Evangelium ermutigen? Wofür neuen Mut zusprechen? Die folgenden Gedanken habe ich bei Bischof Franz Kamphaus entdeckt. Er war lange Zeit Bischof von Limburg in Deutschland. Also: Wozu will uns das Evangelium ermutigen? Zu Öffentlichkeit und zu Profil.

Mut zu Öffentlichkeit.

Immer wieder hört man: Glaube ist Privatsache. Glaube hat in der Öffentlichkeit nichts verloren. Die säkulare Welt soll frei bleiben von religiösen Bekenntnissen und Prägungen. Der Glaube hat keine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Religiöse Überzeugungen sind privat. Niemand soll bedrängt werden. Demgegenüber eine klare Position im Evangelium: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern!“ (Mt 10,27)

Das Bekenntnis zum Glauben „scheut nicht das Tageslicht. Es duldet keine Geheimniskrämerei. … Die Öffentlichkeit gehört zum Wesen der christlichen Botschaft. … Er [Jesus] will, dass wir uns outen.“[1]

Der Glaube prägt das Leben. Und damit ist er auch öffentlich, greifbar, bekommt eine Prägekraft. Auch im politischen Bereich. Er ist nicht parteipolitisch, aber politisch. Das muss die Öffentlichkeit aushalten. Auch wenn es einmal gegen den Mainstream geht oder Widerspruch auslöst. Ein Beispiel? Papst Leo hat vor kurzem in einem Interview gesagt, dass „Remigration“ keine christliche Antwort auf Zuwanderung sei. „Zu sagen, diesen Migranten schicken wir wieder nach Hause, ist so, als ob wir das Problem einfach vom Hals haben wollen.“[2] Christliche Botschaft und christliche Werte gestalten das Leben. Sie scheuen nicht die Öffentlichkeit. Auch nicht bei Widerspruch.

Mut zu Profil.

„Es ist wie beim Autoreifen: Je tiefer das Profil, desto größer der Reibungswiderstand. Das zeigt sich gerade in kritischen Situationen: Die Räder rutschen nicht weg. Wenn die Reifen alt sind und abgefahren, kommt man schnell ins Schleudern. Ein gutes Profil haftet, gibt Halt.“[3]

Mut zu Profil. Ein profilloses Christentum ist eine fade Sache. Es interessiert niemanden. „Eine Voraussetzung dafür ist, dass wir uns in unserem Glauben auskennen. Nur der kann den Glauben bekennen, der weiß, für was er steht und einsteht.“[4] Der selige Oscar Romero hat gesagt: „Eine Kirche, die keine Krise bewirkt, ein Evangelium, das nicht erschüttert, ein Wort Gottes, das niemandem unter die Haut geht; was für ein Evangelium ist das? Ein frommes Gedankenspiel, das niemanden beunruhigt …“[5]

Es geht nicht darum, zu provozieren oder absichtlich Widerspruch zu erzeugen. Es geht darum, ein Profil im Glauben zu suchen. Vielleicht ist das eines der großen Probleme heute: Dass der christliche Glaube bei vielen so profillos geworden ist, so kraftlos. In der Arbeit mit Studierenden mache ich die Erfahrung: Junge Leute suchen Menschen mit Profil. Deshalb: Mühe dich um dein christliches Profil!

Hab Mut! Mut zu Öffentlichkeit und Mut zu Profil. Oute dich!

Jakob Bürgler

 

[1] Franz Kamphaus, Tastender Glaube. Patmos 2017, 124.

[2] Kathpress vom 17.06.2026

[3] Franz Kamphaus, ebd. 124.

[4] Ebd. 124.

[5] Ebd. 125.

Kategorie:

Datum: 21.06.2026

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