Was bedeuten die Worte "klug" und "unmüdig" im Mund Jesu? Wie zur Ruhe in Situationen des Beladen-Seins finden? Gedanken von Propst Jakob Bürgler findest du hier.

14. Sonntag im Jahreskreis | Säkulumsonntag

5. Juli 2026

Dom zu St. Jakob

Ich vermute einmal, dass viele von uns ein recht klares Bild von Jesus vor Augen haben: Jesus, der begeisternde Lehrer. Der faszinierende Rabbi. Der Prophet, dem Scharen von Menschen gefolgt sind. Und das stimmt auch. Jesus hatte die Herzenskraft, unzählige Leute im Herzen zu berühren und sie auf einen neuen Weg einzuladen.

Aber es stimmt eben nur zum Teil. Nicht wenige haben Jesus auch wieder verlassen. Seine Rede von seiner einzigartigen Verbindung zum Vater, seine Kritik am Establishment, seine gewaltlose Hingabe bis zum Tod waren für viele zu „steil“. „Er war den Reichen zu arm, den Gebildeten zu einfach, den Frommen zu frei.“[1] Da konnten sie nicht mit.

Diese Tatsache bildet auch den Hintergrund für das Evangelium vom heutigen Sonntag, wenn es da heißt: „Ich preise dich, Vater, … weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“ (Mt 11,25) Heute wird es nicht anders sein. Bei allen Bemühungen, alle zu erreichen, wird es doch so sein, dass immer auch ein Widerspruch bleibt. Etwa ein Widerspruch zum Zeitgeist und zu dem, was „in“ ist oder was alle denken. Aber schauen wir ein wenig in den Text. Drei Worte dazu: Klug. Unmündig. Beladen.

Klug

Der Vater im Himmel hat es den Klugen verborgen. Das klingt fast so, als ob es darum ginge, nicht klug, sondern unklug oder einfältig und dumm zu sein. Das erinnert mich an ein Lied von Reinhard Mey, in dem der Minister den Bischof beim Arm nimmt und ihm zuflüstert: „Halt‘ du sie dumm, ich halt‘ sie arm.“ „Sei wachsam“ heißt dieses Lied und es beschreibt auf eine zynische Weise, wie die Mächtigen das Volk manipulieren. Meiner Meinung nach sehr aktuell.

Jesus meint etwas anderes. Es geht ihm um eine Haltung. „…er wendet sich nicht gegen die Gebildeten, sondern gegen die Eingebildeten, gegen die Leute, die sich für so klug halten, dass sie über Gott genau Bescheid wissen. Das Evangelium ist ihnen nicht deshalb verschlossen, weil sie klug sind, sondern weil sie mit Gott fertig sind.“[2]

Wir brauchen Bildung, religiöse Bildung. In der Zukunft wird es noch wichtiger werden, über den Glauben Bescheid zu wissen, auskunftsfähig zu sein. Sonst sind wir weg vom Fenster. Aber klug und gebildet sein bedeutet nicht, alles oder alles besser zu wissen. Der wahre Kluge ist bescheiden.

Unmündig

Unmündig sein. Ist es dann nicht eigenartig, wenn wir als Kirche betonen, dass wir mündige Christinnen und Christen brauchen. Leute, die in der Gesellschaft ihnen Mund auftun können und sollen. Wenn es zum Beispiel um Grundwerte des Lebens geht, um Ethik, um Lebensschutz, um politische und wirtschaftliche Standards, um die bedrängende Frage der Migration. Da brauchen wir Mündigkeit.

Was meint „unmündig“? „Menschen sind gemeint, … die ihr Heil nicht in ihrem eigenen Vermögen suchen. … Da sie klein sind, können sie Gott groß sein lassen.“[3] Wer selber klein sein kann, bei dem kann Gott groß sein. Wer selber immer der Größte sein muss, bei dem kann Gott nur klein sein. Unmündig sein bedeutet also klein sein können. Und Gott groß sein lassen. Das ist ein Statement gegen alle Personen und Bewegungen, die nur die eigene Größe suchen. Statt „Make Amerika great again” das Evangelium: Make God great again.

Das bedeutet: Die Anbetung Gottes üben und einüben. In Gebet und Gottesdienst nicht sich selber feiern, sondern Gott. Ihn in die Mitte stellen. Wer ständig nach der eigenen Bedeutung fragt, dessen Rede von Gott ist unglaubwürdig.

Beladen

„Mühselig und beladen – darin werden sich wohl die meisten wiederfinden. So ist das Leben: Stress in der Arbeit, Stress in den Beziehungen, gescheitere Pläne, enttäuschte Hoffnungen. … ‚Kommt alle zu mir‘, sagt Jesus, ‚ich werde euch Ruhe verschaffen…‘, eine Ruhe ohne Beruhigungstabletten, eine innere Ruhe, die von Druck und Angst befreit … eine Ruhe, die Kraft zum Leben schenkt. … Wer nichts zu lachen hat, darf Hoffnung schöpfen. Wer aus dem letzten Loch pfeift, darf aufatmen.“[4]

Ich denke mir, dass diese Dimension des Glaubens heute zum Wichtigsten zählt. In einer Welt, die alles unter Druck setzt, die immer schneller und fordernder und stressiger wird, braucht der Mensch einen Raum der Ruhe.

Im letzten Monat haben wir den Dom jeden Tag bis 22.00 Uhr offen gehabt. Es war für mich bewegend zu sehen, wie viele Menschen die Ruhe und Stille gesucht haben. Einfach da sein, einfach durchatmen, einfach herunterkommen. Wie ein Wasser, das, durch einen Steinwurf aufgewühlt, langsam still und ruhig wird. Deshalb die Einladung: Nützen wir die Ruhe der Kirchen. Einfach zwischendurch. Für ein paar Minuten. Und wir werden sehen: Das verändert das Leben.

Drei Worte: Klug. Unmündig. Beladen. Klug: Den Glauben besser kennenlernen und gleichzeitig kein Klugscheißer werden. Unmündig: Gott allein groß sein lassen. Die Anbetung Gottes neu lernen. Und beladen: Die inneren Lasten bei Gott loslassen und neu den inneren Frieden finden. Du kannst jederzeit beginnen.

Jakob Bürgler

[1] Schott Mesbuch 2019. Lesejahr A, 519.

[2] Franz Kamphaus, Tastender Glaube. Patmos 2019, 129.

[3] Ebd. 130.

[4] Ebd. 130.

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Datum: 05.07.2026

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