Kategorien
Sommerakademie 2026
Eröffnungsgottesdienst
31. August 2026
„Ich bin mit meiner Schulklasse hierhergekommen.“ So erzählte mir ein Mädchen vor einigen Jahren in Taizé. Sie sei Atheistin, sagte sie, aber was sie in dieser Woche hier erlebt habe, das habe sie ganz durcheinander gebracht. So etwas habe sie noch nie erlebt. Und weiter: „Ich fahre jetzt wieder heim, als Atheistin, aber was diese Erfahrung mit mir macht, weiß ich noch nicht.“
Diese kleine Geschichte, an irgendeinem Tag im Sommer irgendeines Jahres, hat sich mir tief eingeprägt. Was ist da geschehen? Was hat sich in diesem Mädchen getan? War es eine Einbildung? Eine Gefühlsreaktion, bedingt durch die tiefen Gefühle, die für viele junge Menschen in Taizé erlebbar sind? War es das Ergebnis einer Gehirnwäsche? Oder hat sich tatsächlich etwas im Inneren dieses Mädchens verändert?
Mich erinnert dieses Mädchen an Nikodemus. Nicht, dass Nikodemus Atheist war. Ganz und gar nicht. Er hat zu den Pharisäern gehört, zur religiösen Führungsschicht der Juden. Er war ganz und gar überzeugt von seiner Überzeugung, von seinen Gedanken, von dem, was er für wahr gehalten hat. So wie das Mädchen auch. Sie war ganz und gar Atheistin.
Und auf einmal hat sich etwas getan, etwas verändert. Das klare Konzept der Überzeugungen ist beweglich geworden, dynamisch, offener, vielleicht sogar brüchig. Beim Mädchen wie bei Nikodemus. Irgendetwas, vielleicht etwas ganz Kleines, hat sich verändert, gewandelt, „transformiert“.
Wer ist eigentlich dieser Nikodemus? Wie schon gesagt: Er wird als „Pharisäer“ und „Vorsteher der Juden“ bezeichnet (Joh 3,1). Er gehört also zur religiösen Führungsschicht. Er ist also nicht einfach irgendwer. Und er kommt nachts zu Jesus, um mit ihm über seinen Glauben und seine Lehre zu sprechen (Joh 3,2). Man könnte sagen: Er ist unsicher. Oder unsicher geworden. Er hat viele Fragen. Die eindeutigen Antworten der anderen genügen ihm nicht mehr. Und: Er ist ängstlich. Niemand soll ihn sehen. Er hält sich bedeckt, auch aus politischen Gründen. Aber er ist neugierig. Er will wissen, was dieser gesuchte Rabbi denkt und lehrt.
Er nähert sich ihm mit Vernunft. Mit Nach-Denken. Ist das, was Jesus sagt, vernünftig oder ein frommes Gerede? Hat es genügend Tragekraft? Ist es für einen redlichen Intellekt nachvollziehbar und stimmig? Nikodemus zeigt uns: Der Glaube braucht die Vernunft. Als Basis. Ohne Vernunft ist der Glaube eine Einbildung, eine Illusion, etwas, das „in der Luft hängt“. Ohne Vernunft bleibt der Glaube ein Hirngespinst oder ein High-Gefühl, das nicht trägt.
Nikodemus kann als jemand verstanden werden, der als Nach-Denkender zwischen Zweifel und Glauben steht. Und damit wird er zu unserem „Zeitgenossen“. Auch wir denken nach, hinterfragen, zweifeln, suchen. Nikodemus macht schließlich die Erfahrung: Die Vernunft trägt. Aber nicht nur die Vernunft allein. Zur Vernunft kommt ganz wesentlich auch die Weisheit.
Und damit sind wir bei dem, was die Lesung aus dem Buch der Weisheit so schön beschrieben hat: „Denn welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen oder wer begreift, was der Herr will? Unsicher sind die Überlegungen der Sterblichen und einfältig unsere Gedanken… Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt; wer ergründet, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?“ (Weish 9,13-17)
Jesus erklärt dem Nikodemus, dass ein Mensch „von neuem“ bzw. „von oben geboren“ werden muss. Damit wird ein Perspektivenwechsel deutlich: Ein Perspektivenwechsel von einem rein menschlichen Verständnis hin zu einem geistlichen Verständnis. Und dafür braucht es neben der Vernunft auch die Weisheit. Die Weisheit als Gabe Gottes. Denn: Die Weisheit dringt noch tiefer in alles ein als die Vernunft.
„Egal, ob Du mit dem Glauben etwas anfangen kannst oder ob Dir das eher fremd ist: Worum es beim Glauben nicht geht, ist irgendein unwissenschaftlicher Unsinn, den Menschen in ihr Weltbild einbauen, weil sie nicht rational genug sind. Es geht eher um die unserem Leben zugrunde liegende Ansicht darüber, wie die Welt und das Leben insgesamt aussehen.
Das klingt abstrakt, ist aber ganz konkret. Es macht einen gewaltigen Unterschied, wie sich für mich die Welt und das Leben darstellen. Ob die Welt in meinen Augen ein sicherer oder ein unsicherer Ort ist, das beeinflusst mein Denken, Fühlen und Handeln zutiefst.
Ganz wichtig ist nun: Die ‚Wissenschaft‘ kann nicht messen, ob die Welt ein sicherer oder unsicherer Ort ist. Sie kann Naturphänomene beschreiben und gewisse Voraussagen treffen; das macht Naturwissenschaften so wichtig. Doch die wesentlichsten Fragen des menschlichen Lebens sind dadurch noch nicht einmal berührt: ‚Was ist wirklich wichtig?‘ ‚Wie sollte ich handeln?‘ ‚Hat das Leben Sinn?‘ ‚Ist es gut, dass es mich gibt?‘ ‚Worauf kann ich mich verlassen?‘ ‚Was gibt mir inneren Halt?‘ ‚Wofür lohnt es sich zu leben?‘ Das sind nur einige dieser existenziellen Fragen, und jeder Mensch, ob religiös oder nicht, steht vor ihnen.“[1]
Nikodemus erlebt im Gespräch mit Jesus den „Schub“ der Weisheit, eine innere Wandlung, einen existentiellen Schub. Vielleicht könnte man sogar sagen: Nikodemus erlebt eine „Transformation“. Und wenn man das sagen könnte, dann wäre er ein guter Begleiter durch die heurige Sommerakademie. Nicht nur in politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geschieht Transformation. Auch im gemeinsamen Lernen und in jedem und jeder „innen drinnen“. Lassen wir, wie es im Einführungstext der Sommerakademie lautet, „auch uns selbst ein Stück weit transformieren“. Vielleicht auch im Vertrauen des Glaubens.
Jakob Bürgler
[1] Johannes Hartl, Die Kraft eines fokussierten Lebens. Herder Verlag 2025, 104-105.
Kategorie:
Datum: 01.09.2026
Die Unipfarre Innsbruck ist ein Ort, in dem Begegnung mit Gott, mit Jesus Christus, mit den Mitmenschen und mit sich selbst möglich ist.
In der Unipfarre engagieren sich Studierende. Alle Angebote werden durch Student:innen mitgetragen. "Vielfalt" ist Progamm.
Wir begeben uns mit dir auf die Suche nach dem, was Leben gelingen lässt, Freude bereitet und dich stärkt.
Universitätspfarre Innsbruck
Josef-Hirn-Straße 7 / 5. Stock
A-6020 Innsbruck in Tirol
Österreich
Mit DIR machen wir uns auf die Suche nach dem, was Leben gelingen lässt, was Freude bereitet und DICH stärkt.
Universitätspfarre Innsbruck
ImpressumKontaktDatenschutz