Selig, die Frieden stiften

Christ:innen sind Menschen, die Frieden stiften. Eine der Seligpreisungen Jesu bezieht sich auf jene, die Frieden stiften. Woher kommt der Friede? Wo können wir ansetzen? Gedanken dazu von Propst Jakob Bürgler findest du hier.

Allerheiligen

1. November 2026

 

„Selig die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ (Mt 5,9) Das Anliegen ist top aktuell. Wir sind betroffen über die Gewalt im Heiligen Land, im Nahen Osten, in der Ukraine. Die Kriege dort dauern schon so lange und gehen uns sehr nahe. Es gibt unzählbar viele Kriegsschauplätze. Beim Friedensgebet der Gemeinschaft Sant’Egidio in Innsbruck werden diese Orte immer alle genannt. Eine unendliche Liste. Was für ein Elend!

Bitte um Frieden in Israel und in Palästina, Bitte um ein Ende von Gewalt und Terror, von Rache und Vergeltung, Bitte um eine nicht erwartbare Wendung und um überraschende und nachhaltige Schritte zum Frieden.

Es gibt für mich einen wunderbaren Namen Gottes, der dem Kind von Betlehem zugesprochen wird: „Und er wird der Friede sein.“ Der Prophet Micha nimmt diesen Namen in den Mund: „Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. ... Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein.“ (Mi 5,1.3-4)

Der Name Gottes, der über dieser Welt liegen soll, heißt „Friede". Nach vielen Monaten, die so sehr mit Terror, Gewalt, Unfrieden, Krieg, Streit, Hass und allem, was den Frieden kaputt macht, verbunden waren, die uns so sehr Angst machen, sehnen wir uns noch mehr als sonst nach Frieden. Der Friede ist ganz und gar nicht selbstverständlich. Er ist ein Geschenk, ein Segen.

Selig, die Frieden stiften. Nicht nur in den Kriegsgebieten, sondern auch bei uns, in uns. In die Schule des Friedens gehen. Woher kommt der Friede? Und wo können wir ansetzen?

Frère Roger, der Gründer der Brudergemeinschaft von Taizé, fragt in seinem letzten unvollendeten Brief: „Was ist das für ein Frieden, den Gott schenkt?“ Es ist zunächst ein innerer Frieden, ein Frieden des Herzens. Dieser innere Friede erlaubt es, einen hoffnungsvollen Blick auf die Welt zu richten, auch wenn Gewalt und Konflikt die Welt zu zerreißen und kaputt zu machen drohen.

Papst Franziskus schreibt in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2017: „Auch Jesus lebte in Zeiten der Gewalt. Er lehrte, dass das eigentliche Schlachtfeld, auf dem Gewalt und Frieden einander begegnen, das menschliche Herz ist: ‚Von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken‘ (Mk 7,21). ... Wer die Frohe Botschaft Jesu annimmt, weiß daher die Gewalt, die er in sich trägt, zu erkennen und lässt sich von der Barmherzigkeit Gottes heilen. So wird er selbst ein Werkzeug der Versöhnung, entsprechend dem Aufruf des heiligen Franz von Assisi: ‚Wenn ihr mit dem Mund den Frieden verkündet, so versichert euch, ob ihr ihn auch, ja noch mehr, in eurem Herzen habt!‘“

Der Friede beginnt im Inneren. Er ist aber nicht passiv, sondern braucht das aktive Tun. An sich selber und in der eigenen Umgebung.

Beispiele aus der Schule:

Aus dem jüdischen Talmud: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

„Selig die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ (Mt 5,9) Das Fest aller Heiligen will uns daran erinnern und dazu ermahnen, mit Entschiedenheit den Frieden zu suchen. Und damit zu innerem Frieden zu kommen, der ausstrahlen wird und die Gewalt in der Welt reduziert. Frieden verlangt nach Übung. Üben wir!

Schließen möchte ich mit einem Text von Dorothée Sölle. Er trägt den Titel „Klavier üben“. Er macht deutlich, wie schwierig die Übung des Friedens ist.

meine kleine tochter spielt eine tonleiter

und geht immer einen schritt zurück

eh sie zwei vorwärts macht

sehr lange versucht sie das

meine kleine tochter spielt eine tonleiter

und ich höre zu

es sind nicht die klaviertöne

es ist nicht die mechanik

es ist nicht der fortschritt

es ist die geduld

das langsame unbeirrbare wachsen

aber wie lange üben wir schon

spielen immer wieder

die tonleiter f-r-i-e-d-e-n

spiel noch einmal kleine tochter

du tröstest mich

 

Jakob Bürgler

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Datum: 01.11.2026

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